Vor einigen Wochen – ich war mit dem Auto auf dem Heimweg und fast schon zu Hause – sah ich diesen offenbar hilflosen Mann, der mit seinem Auto mitten auf dieser großen, unübersichtlichen Kreuzung gestrandet war. Er hatte die Warnblinkanlage angeschaltet, stand nun neben seinem Auto und wusste wohl nicht recht, was als nächstes zu tun war. Ich frage mich in solchen Paradesituationen stets, was ich mir in einer solchen Situation am liebsten wünschen würde und entsprechend handele ich dann auch.

Meine Ampel sprang also wieder auf Grün und ich stoppte mitten auf der Kreuzung, öffnete mein Fahrerfenster und fragte den Mann: „Brauchen Sie Hilfe?“  Kaum hatte ich meine Frage ausgesprochen, da bekam ich von meinem Hintermann auch schon einen fetten Rüffel mit der Hupe. Dieser war wohl nicht bereit, meinen 10-Sekunden-Stopp auf der Kreuzung von seiner eigenen wertvollen Lebenszeit abzuziehen, schon gar nicht für einen unbekannten Menschen. Jedoch lassen mich solche Unanständigkeiten inzwischen ganz kalt und so wartete ich in aller Ruhe die Antwort des gestrandeten Herren ab. „Das ist mir total peinlich! Mir ist hier auf der Kreuzung gerade das Benzin ausgegangen. Ich dachte, ich schaffe es noch nach Hause!“, bekam ich als Antwort auf mein Hilfeangebot.

Nun, wie würden Sie bei so einer Antwort reagieren? Würden Sie nach dem Motto „Wie dumm muss man sein?“ absichtlich noch Salz in die offene Wunde streuen (was ja an der Situation nicht das Geringste ändern würde, nicht wahr?) oder würden Sie entspannt reagieren und das einzig Richtige tun? Auch das große Hupkonzert aus der beträchtlichen Autoschlange, die sich bereits hinter dem Mann gebildet hatte, führte ja keinesfalls dazu, dass sich 1.500 Kilo Auto plötzlich „entmaterialisieren“ oder in den Himmel erheben und die Kreuzung ohne menschliches Zutun freiräumen. Übrigens habe ich noch nie davon gehört, dass sich ein Stau nur durch nerviges Hupen schneller aufgelöst hätte und Sie vermutlich auch nicht, oder?

„Ist mir auch schon passiert. Sie müssen erst mal weg von der Kreuzung. Ich stelle mein Auto kurz zur Seite und dann helfe ich Ihnen beim Schieben!“, war also meine spontane Antwort; eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die man in diesen Tagen aber leider immer mal wieder erklären muss, wenn man dafür nicht sogar beschimpft oder kritisiert wird (eigentlich traurig, oder?). Keine Minute später stand ich also hinter dem benzinlosen Auto und begann mit meiner Sportübung des Tages. Inzwischen hatte auch ein Handwerker angehalten (die Jungs packen immer an) und so waren wir zu zweit und hatten das Auto im Nu von der Kreuzung entfernt und auf dem Seitenstreifen in Sicherheit gebracht. Der Handwerker verabschiedete sich und ich fragte unseren geretteten Fahrer: „Problem ist noch nicht gelöst, richtig? Denn Benzin im Tank fehlt Ihnen immer noch, korrekt?“  Sichtlich peinlich berührt antwortete mir der Mann: „Ja, da haben Sie recht. Ich habe allerdings auch kein Geld dabei. Mein Portemonnaie liegt zu Hause auf dem Küchentisch!“

Bei dieser Antwort musste ich kurz innerlich schmunzeln, jedoch stellte das für meine zwischenmenschliche Ausrichtung nicht das geringste Hindernis dar! Ich habe mir diesbezüglich viel von dem islamischen Konzept „Zakaat“ abgeschaut, für das mich irgendwann einmal meine arabischen Schüler begeistert haben. Zakaat bedeutet so viel wie Reinigung und ist eine Armenabgabe für Bedürftige oder in Not geratene Menschen. Diese „Steuer“ soll von Hass oder Ungerechtigkeit befreien, wird normalerweise vom Staat für das Allgemeinwohl verwendet, kann aber auch freiwillig und persönlich direkt an die entsprechende Person gegeben werden. Zwischen 2,5 und 10 Prozent des eigenen Einkommens soll vergeben werden und dieses Soll hatte ich für diesen Monat noch nicht erfüllt. Überdies wäre es ja nicht darum gegangen, dem Mann das Auto vollzutanken, sondern vielleicht 5 oder 6 Liter Benzin zu organisieren, um unseren Pechvogel wieder flott zu machen! Insofern standen meine 10 Euro Benzinhilfe gegen die potentiellen 250 Euro eines Abschleppwagens.

„Sie haben Glück, junger Mann“, reagierte ich beglückt auf die überraschende Chance, meine Zakaat-Quote spontan zu verbessern, „ich habe zufälligerweise einen leeren Benzinkanister im Auto. Ich fahre kurz um die Ecke an die Tankstelle, organisiere ihnen 5 oder 6 Liter Benzin und dann können Sie entspannt nach Hause fahren. Was tanken Sie noch gleich?“  Völlig perplex und mit offenstehendem Mund bekam ich „Superbenzin E10“ zur Antwort und sein Gesichtsausdruck war nur so zu deuten, dass er so viel Menschlichkeit schon länger nicht mehr erfahren hatte. 10 Minuten später war ich mit feinstem E10-Kraftstoff wieder zurück und nach kurzem Orgeln hatten wir das Auto wieder am Laufen. Mission erfüllt!

Dann passierte jedoch etwas seltsam Berührendes. Meine 10 Minuten Abwesenheit hatte der gestrandete Mann wohl genutzt, um sich im gegenüberliegenden Restaurant (dort kannte man ihn) ein bisschen Geld zu organisieren. Als ich mich nach getaner Arbeit verabschieden wollte, bekam ich 20 Euro in die Hand gedrückt, sage und schreibe das Doppelte des Betrages, den ich gerade an Benzin verauslagt hatte. Das berührte mich einerseits – beweist es doch, dass die Dankbarkeit von Menschen, denen Gutes widerfährt, grenzenlos ist – doch andererseits fühlte ich mich seltsam beschämt. Warum?

Nun, wenn ich helfe, dann geschieht das aus purer Menschenliebe, ohne jegliche Erwartung einer Gegenleistung, denn nur dann – und davon bin ich tief und fest überzeugt – ist sie echt und ehrlich und entfaltet ihre größere Wirkung in dieser Welt. Deshalb wollte ich auf keinen Fall daran verdienen oder gar profitieren.

„Bitte machen Sie das nicht“, sagte ich mit gesenktem Kopf, „die 10 Euro für das verauslagte Benzin sind okay, aber nehmen Sie die anderen 10 Euro bitte wieder an sich! Ich habe Ihnen gern geholfen, aber ich möchte daran nicht verdienen. Wenn Sie mir wirklich eine Freude machen wollen, dann geben Sie meine Hilfe an eine Person weiter, der sie vielleicht irgendwann aus der Patsche helfen können!“

Diese Idee gefiel ihm sehr und mit einer kurzen Umarmung verabschiedeten wir uns voneinander. Möglicherweise sehen wir uns nie wieder, doch wenn er es irgendwann tatsächlich tut – meinen Gefallen weitergeben – dann wird mit ihm noch ein weiterer Mensch wieder daran glauben, dass das Gute in der Welt noch tatsächlich existiert. Dieser romantische Gedanke wärmt mein idealistisches Herz und lässt mich immer wieder helfen.

Ich habe Ihnen diese kleine Geschichte erzählt, weil sie uns bezüglich des alltäglichen Verhaltens der Menschen erstens zu den Aggressiven, zweitens zu den Gleichgültigen und drittens zu den Ängstlichen führt. Keiner dieser 3 Gruppierungen steht für irgendeine positive Zukunft, schon gar nicht für eine Zukunft, in der ich gern leben oder die ich gar der Nachwelt hinterlassen möchte. Und wenn es eben um diese Zukunft geht, dann kann man immer wieder empirisch nachweisen, dass es …

1. … Menschen gibt, die etwas tun und die nie aufhören, an ihrem Tun zu zweifeln (ich nenne sie „Gruppe-1-Menschen“)
2. … Menschen gibt, die zusehen, wie andere etwas tun („Gruppe-2-Menschen“),
3. … und schließlich Menschen gibt, die nicht zusehen und auch nichts tun, dann aber fragen: „Wurde etwas getan?“ („Gruppe-3-Menschen“).